Literarische Vorreiter

Die Weltliteratur besteht zu einem großen Teil aus Reiseerzählungen, eben weil Reisen und Erzählen sich so ähnlich sind. (...) Gilgamesch, Parzival, Don Qixote. Vorwärts, vorwärts, vorwärts. Everyone goes...
Lorenz Schröter: Mein Esel Bella oder Wie ich durch Deutschland zog.

Eines Nachts, als der Sommer am tiefsten war, zog ich die Tür hinter mir zu und ging los (...).
Wolfgang Büscher: Berlin-Moskau. Eine Reise zu Fuß.

Ob du reisen sollst, so fragst Du, reisen durch die Mark? Wer in der Mark reisen will, der muss zunächst Liebe zu Land und Leuten mitbringen. (...) Wenn Du reisen willst, musst du die Geschichte des Landes kennen und lieben. Dies ist ganz unerlässlich. Es gibt gröbliche Augen, die gleich einen Gletscher oder Meeressturm verlangen um befriedigt zu sein. Diese mögen zu Hause bleiben. Es ist mit der märkischen Natur wie mit manchen Frauen. "Auch die hässlichste - sagt das Sprichwort - hat immer noch sieben Schönheiten" Wer das Auge dafür hat, der wag´ es und reise.
Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg.

Jedes Leben ergibt eine Geschichte, wenn man es erzählen kann (...).
Es hat einen Sinn, dass weitergeschrieben wird,
denn durch das Weiterschreiben werden weitere Leben erzählbar.
Peter Bichsel: Der Leser. Das Erzählen.

Reiten, reiten, reiten,
durch den Tag,
durch die Nacht,
durch den Tag.
Reiten, reiten, reiten.
Rainer Maria Rilke: Die Weisen von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke.

Da auch alle anderen Versuche, mich von meinem Unheil zu bewahren, fehlgeschlagen sind, sitze ich jetzt im Zug (...) und studiere das Kursbuch.
Sten Nadolny: Netzkarte. Roman über eine Zugreise.

Ein Jammer war es, dass sie den Fluss nicht würde mitnehmen können, wenn sie fortginge. Ihn um den Hals legen wie eine Stola aus Wasser. Es fiel ihr schwer, sich das Leben ohne ihn vorzustellen, dessen mächtiges Rauschen oder sanftes Strömen die Jahreszeiten spürbar werden ließ, das Verstreichen der Zeit.
Gioconda Belli: Waslsla. Roman über die Reise an einen utopischen Ort.

Ich verstehe aber auch, dass nichts von dem, was den Menschen selbst angeht, sich zählen oder messen lässt. Die wirkliche Weite ist nicht für das Auge, sie wird nur dem Geist gewährt. Sie ist so viel wert wie die Sprache, denn die Sprache verbindet die Dinge.
Antoine de Saint-Exupéry : Brief an einen Ausgelieferten.

Tag für Tag, so als sei der Schritt des Pferdes das Maß der Stunde und aller Zeiten. (...) Nogat, Weichsel, Oder und Elbe haben wir überquert, und allmählich, Eis und Schnee zurücklassend, ziehen wir mit dem aufblühenden Frühling durch das Schaumburger Land;
Marion Gräfin Dönhoff: Ritt gen Westen.

Selbst nach diesen gravierenden Verbauungen ist die Isar an vielen Stellen immer noch ein wildes Gewässer. Es war beruhigend für mich zu beobachten, wie sie immer wieder versucht, ihr Korsett aus Stahl und Beton zu durchbrechen, und es ihr gelingt, wilde Tiere und Pflanzen in die Millionenstadt München zu schmuggeln.
Carmen Rohrbach: Am grünen Fluss. Isar - eine Wanderung von der Quelle bis zur Mündung.

Vom ersten Moment an fühlte ich mich auf Tara vollkommen sicher, so, als würde ich in einem Kokon sitzen. Ich wusste, dass mir nichts passieren konnte, solange ich dieses wunderbar gütige Tier unter mir hatte. Von dieser Höhe aus hatte man einen ganz anderen Überblick über die Gegend - ich konnte sowohl das leuchtend gelbe Senffeld in der Ferne sehen, als auch die frühmorgendliche Geschäftigkeit auf der anderen Seite einer Dorfmauer.
Mark Shand: Auch Elefanten weinen. Auf einem Dickhäuter durch Indien.

Im Herbst sind die Menschen zart besaitet. Der Frühling macht heiter und etwas gierig, "Sommer" klingt nach Faulheit und Abenteuer, und wo Besitz ist, da ist der Winter nicht weit, oder umgekehrt. Im Herbst ist man einfühlsam. Bestimmt gibt es für jede Jahreszeit auch einen speziellen Größenwahn.
Sten Nadolny: Netzkarte.

Hinter Klecken, dort wo Feldmann Kühe kennen gelernt hatte, waren die Weiden längst leer. Damals mache mein Begleiter seine ersten Gehversuche in der Freiheit, inzwischen weiß er, wie man auf drei Beinen pinkelt, wie man Hündinnen besteigt und Kaninchen jagt, er hat zu leben gelernt, und Deutschland ist, Baum für Baum, sein Revier geworden.
Michael Holzach: Deutschland umsonst. Zu Fuß ohne Geld durch ein Wohlstandsland.

In dieser Kultur, also auch in den Beziehungen der Menschen untereinander, hat sich der Wert der Verkäuflichkeit derartig verselbständigt, dass Menschen schon degradiert werden, weil sie nicht am Wahrenverkehr teilnehmen können oder wollen. Unvorstellbar, welche Kultur man haben können, wenn man an Problemen arbeitet, statt an Bilanzen, wenn also jeder vor allem täte, was er gesellschaftlich für wichtig, und nicht, was er für profitabel hält.
Roger Willemsen: Deutschlandreise.

Natürlich ist das Fundament der poetischen Haltung weithin auf materielle Dinge gebaut. Sie ist abhängig von Muße und etwas Geld...
Virginia Woolf: Frauen und erzählende Literatur.

Die unerhörte Originalität des Palastes teilte die Leute in drei Lager, die sich in der prompten Allgemeingültigkeit dreier Aussagen zusammenfassen lassen:
"Das ist das achte Weltwunder!",
"Das kostet ein Vermögen!",
und "Stell dir vor, das steht dann da!"
Alessandro Baricco: Land aus Glas.